Abstract
<jats:p>Untersuchungen der sich in den vergangenen Jahren etablierenden orthografiedidaktischen Lehrer*innenforschung (vgl. Riegler/Weinhold 2018) widmen sich ihrem Forschungsgegenstand bislang primär aus kompetenztheoretischer Perspektive (vgl. Baumert/Kunter 2006) mit einem starken Fokus auf das Professionswissen der Lehrenden. Ergänzend dazu ist die vorliegende Studie einer rekonstruktiven Perspektive verpflichtet, in der nicht Kompetenzen, sondern das erfahrungsbasierte handlungsleitende Wissen der Lehrpersonen in den Blick genommen wird. Den methodologischen, grundlagentheoretischen und professionstheoretischen Bezugspunkt der Studie bildet die praxeologische Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017), ergänzt durch eine berufsbiografische Perspektive auf Professionalisierung. Vor diesem Hintergrund wird gefragt, wie sich das Spannungsverhältnis zwischen (gesetzten und wahrgenommenen) Normen und den Anforderungen der Handlungspraxis gestaltet und wie Lehrpersonen dieses für sich bearbeiten. Dafür wurden 16 teilnarrative Interviews mit Lehrer*innen an sächsischen Grundschulen zum Rechtschreiblernen geführt und mit der dokumentarischen Methode nach Bohnsack (vgl. Bohnsack 2021) ausgewertet. Die Ergebnisse der Interpretationen verweisen darauf, dass für die Lehrpersonen seltener konkrete didaktisch-methodische Fragen, sondern der wahrgenommene Verbindlichkeitsanspruch der orthografischen Norm Ausgangspunkt der eigenen Selbstverortungen und Argumentationen ist. Dieser steht beispielsweise in einem Zusammenhang mit der Frage, ob (und wie) sich Rechtschreiblehrende in der Verantwortung sehen, Grundschüler*innen aktiv in ihrem Erwerb rechtschreiblicher Kompetenzen zu unterstützen. In diese Konstruktion dieses Selbstverständnisses als Rechtschreiblehrende gehen dabei sowohl rechtschreibbiografische Erfahrungen als auch fachspezifische Professionalisierungsmomente im Rahmen von Aus- und Fortbildung ein. Die Arbeit gibt damit Einblicke in die Perspektiven von Rechtschreiblehrenden auf den Lerngegenstand. Diese werden in ihrer Eigenlogik rekonstruiert, an den orthografiedidaktischen Diskurs rückgebunden und mit Impulsen für Lehrer*innenbildung beschlossen.</jats:p>