Abstract
<p>Im Sommer 1931 erreichte Deutschland den Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde Hjalmar Schacht zum Präsidenten der Reichsbank ernannt und entwickelte das „Mefo-Verfahren“, um die gesetzlichen Beschränkungen der Reichsbank hinsichtlich der Kreditausweitung zu umgehen und die deutsche Wiederaufrüstung entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrags zu finanzieren. „Mefo“ steht für die „Metallurgische Forschungsgesellschaft“, eine Briefkastenfirma, die von fünf führenden deutschen Industrieunternehmen gegründet und von Mitarbeitern der Reichsbank sowie des Militärs betrieben wurde. Mit einem Eigenkapital von lediglich einer Million Reichsmark ausgestattet, war die Mefo Schuldnerin von Wechselverbindlichkeiten im Umfang von zwölf Milliarden Reichsmark. Trotz seiner historischen Bedeutung ist das Mefo-Verfahren aus geldtheoretischer Perspektive bislang nur unzureichend theoretisch aufgearbeitet worden und wird häufig mit dem Mythos einer „finanziellen Magie“ erklärt. Wir analysieren die Mefo-Operation anhand der Theorie der monetären Architektur und verstehen die Mefo-Gesellschaft als eine bilanzexterne Fiskalagentur, die geschaffen wurde, um die Wiederaufrüstung als politisch gewollte großskalige Transformation des Kapitalstocks zu finanzieren. Wir unterteilen das Mefo-Verfahren in drei klar voneinander abgegrenzte Phasen – die Phase der verdeckten monetären Finanzierung (Juli 1933 bis Februar 1936), die Phase der Schattenwährung (Februar 1936 bis März 1938) sowie die Phase der Konsolidierung und Kriegsfinanzierung (April 1938 bis Mai 1945) – und rekonstruieren mithilfe von Bilanzmethodologie die zugrunde liegenden finanzwirtschaftlichen Mechanismen. Einerseits rekonstruieren wir Transaktionsbilanzen, um die Zahlungs- und Finanzierungsströme in idealisierter Form darzustellen, und skizzieren Bestandsgrößen anhand von idealisierten Abbildungen der monetären Architektur als hierarchisches Netzwerk von Bilanzentitäten, die durch verschiedene Kreditinstrumente miteinander verschränkt sind. Andererseits untersuchen wir, wie die Schritte Bilanzverlängerung, langfristige Fundierung, Absicherung und abschließende Bilanzverkürzung ex ante geplant wurden und sich ex post tatsächlich entwickelten. Unsere Analyse zeigt, dass die Mefo-Wechsel entgegen Schachts ursprünglichem Plan letztlich auf der Bilanz der Reichsbank landeten, wo sie bis zum Zusammenbruch der deutschen Staatsstrukturen im Mai 1945 dauerhaft fundiert wurden. Abschließend verknüpfen wir unsere Analyse mit quantitativen Daten zur Mefo-Gesellschaft sowie zum gesamtwirtschaftlichen und makrofinanziellen Umfeld, um Schlussfolgerungen über die Bedeutung der Mefo-Operation für die finanzielle Expansion nach 1931 zu ziehen.</p>